Ich spiele nicht Musik. Ich spiele Gefühle.

INTERVIEW MIT UNSERER DJANE LANA DELICIOUS

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Fernando aka Lana Delicious lebt schon mehr als 30 Jahre in Deutschland, davon die meiste Zeit in Köln. Der gebürtige Brasilianer und Sascha kennen sich schon viele Jahre „aus der Szene”. Seit dem frühen Sommer 2020 legt er als Lana Delicious regelmäßig im ST. LOUIS auf - und liebt es: „Im ST. LOUIS aufzulegen ist wie Wellness für mich”, sagt er. Dass die Leute dabei nicht wie gewohnt tanzen, stört ihn nicht. Denn im ST. LOUIS ist es sein Job, deinen kulinarischen Genuss musikalisch zu unterlegen. 

Auf Instagram schreibst du in einem Post "Two persons one soul”. Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Ich bin keine gespaltene Persönlichkeit. Mein Arbeitslook ist eine Verbesserung meiner Persönlichkeit und macht mich nebenbei optisch rund zehn Jahre jünger. 

Wie bist du Drag Queen und DJ geworden?

Ich war schon länger DJ, als ein guter Freund mir irgendwann vorschlug, dass ich mich doch dabei als Drag Queen verkleiden sollte. Das war Mitte der 90er Jahre. Es gab da gerade einen großen Boom für diesen Lebensstil: Schrille, homosexuelle Jungs, die sich verkleiden. Gestartet hatte alles in London und New York. In Deutschland war die Bewegung noch recht unbekannt. Ich hatte mich vorher schon als Frau verkleidet, vor allem an Karneval. Ich konnte mich schminken und ich liebe Weiblichkeit. Aber mir war nicht bewusst, dass das auch mein Beruf sein könnte. Also habe ich es ausprobiert und mein Freund hatte recht: Es brachte mir mehr Pepp!

Wie wurde das angenommen?

Anfangs waren die Leute skeptisch: Ein Mann, der sich als Frau verkleidet und auflegen will? Die haben zuerst nur das Kostüm gesehen und nicht geglaubt, dass ich noch mehr kann. Aber Lana ist wie ein zusätzlicher Bonus zu meiner Erfahrung als DJ. 

Wie wurde Lana Delicious geboren?

Zufällig und aus Spaß. Ich bin ein Genussmensch und liebe gutes Essen. Es ist ein wesentlicher Teil meines Lebens. Und wenn etwas lecker ist, dann sage ich oft: Mein Gott, ist das delicious. Irgendwann wusste ich: Ich werde mal ein lecker Mädsche sein, wie man so schön in Köln sagt. Der Name Lana hingegen kommt von Lana Turner, einer Hollywood Diva aus den 40er Jahren. 

Gibt es viele Frauen, die dich so inspirieren?

Na klar, die Disco Diva Donna Summer fällt mir da als Erstes ein. Das war die erste Platte, die mein Vater mir geschenkt hat. Sie war eine Gay Icon in den 70er Jahren und hat mich sehr inspiriert. Aber auch Barbra Streisand, Lady Gaga und Madonna finde ich toll. Ich liebe Frauen mit Power und Unabhängigkeit. Auch Michelle Obama oder Tina Turner gehören dazu. Ich verbeuge mich vor ihnen. Ich liebe Frauen mit Eiern! Es ist eigentlich schade, dass mir dieses männliche Symbol als erstes einfällt. Frauen werden immer noch unterschätzt. Dabei gibt es tolle Frauen, die sich auch von Männern nicht einschüchtern lassen. 

Du kommst ursprünglich aus Brasilien. Steckte schon immer eine kleine Lana Delicious in dir oder wie war es in den 70ern bei dir zu Hause?

Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, zusammen mit meiner Schwester. Wir hatten ein gutes Verhältnis, bis sie herausfand, dass ich schwul bin. Sie hat immer mal wieder Dinge entdeckt: Schminke oder Telefonnummern von Männern. Sie hat gehofft, es sei eine Phase. Das war es aber nicht und ich habe Brasilien deshalb auch verlassen. Sie sagte: „Die Leute hier werden dich immer mobben und kritisieren. Finde deinen Platz so schnell wie möglich weit weg von Zuhause.” Das war hart. Aber ich bin dann nach Europa gegangen. Ich bereue nichts. Ich konnte machen, was mir gut tut und fand meine Freiheit als Künstler, Mensch, als Homosexueller und einfach als Wesen. Meine Mutter lebt heute bei der Familie meiner Schwester und wir haben immer noch ein gutes Verhältnis. 

Wie bist du dann letztlich in Köln gelandet?

Über Umwege. Ich wollte gar nicht nach Deutschland, aber als ich gerade in Paris war, überredete mich ein Freund, ihn in Düsseldorf zu besuchen. Ich ließ es zu, verliebte mich natürlich prompt in einen Mann und in das Land. Mein erstes Geld habe ich in Deutschland mit Lambada tanzen verdient! Es war kurz nach dem Mauerfall und die Leute fanden uns soooo exotisch. Die wollten uns anfassen und haben uns geliebt. Ich habe mich total schnell integriert und wollte einfach bleiben. Köln war zum Leben attraktiver als Düsseldorf. Und als der Mann und ich uns trennten, bin ich hergezogen. Seit 1995 bin ich jetzt ‘ne kölsche Jung!

Was möchtest du rückblickend über dein Leben sagen?

Was für mich zählt ist die Gegenwart und diese sollte man so intensiv wie möglich leben.
Ich bin nicht traurig, weil ich eine harte Jugend hatte. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart. Dann kann die Zukunft nur glücklich sein. Die Gegenwart ist für mich das wichtigste. 

Ist das deine Lebensmessage auch für andere?

Nein, ich möchte niemanden beeinflussen. Ich kann vermitteln, dass man alles dafür tun kann, um frei und glücklich zu sein. Aber ich möchte kein Vorbild sein. Mein großes Glück ist meine Freiheit. Die ist wie ein Sechser im Lotto. Ich habe mich von so vielem befreit: von Vorurteilen, von einer Gesellschaft und Verwandten, die mich nicht akzeptiert haben. Von Menschen, die mich als Schwuchtel bezeichnet haben. Ich bin frei davon. Heute sage ich diesen Leuten: Ich bin eine Schwuchtel und ich bin glücklich. Bist du es auch?